"Ich meinti" von Klara Jaeggi

Klara Jaeggi (Foto: unbekannt)
Familie, Geschichte und Glaube erscheinen mir heute nicht als feste, separate Grössen, sondern als Bewegungen.
Klara Jaeggi
Wenn ich heute auf meine Maturaarbeit zurückblicke, sehe ich darin nicht nur einen literarischen Text, sondern einen Versuch, mich selbst zu verstehen. Der kurze Roman, den ich geschrieben habe, bewegt sich im Zeitraum von 1939 bis 1989 und ist inspiriert vom Leben meiner Grosseltern als Teil der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen. Doch je länger ich mich mit dieser Geschichte beschäftigt habe, desto deutlicher wurde mir, dass ich nicht nur über ihre Vergangenheit schrieb, sondern auch über meine Gegenwart. Familiengeschichte ist für mich kein abgeschlossenes Kapitel. Sie lebt weiter, oft leise, manchmal unmerklich. Sie zeigt sich in Haltungen, in Selbstverständlichkeiten, in der Art, wie man auf Unsicherheit reagiert. Meine eigene Motivation, die Familiengeschichte genauer zu erfahren und diese zu vermitteln, floss mit dem Anliegen zusammen, einen aus westeuropäischer Sicht Blindpunkt der Geschichte, näher zu bringen. So führte ich im Rahmen der Vorbereitung meiner Maturaarbeit mit meinen Grosseltern ausführliche Gespräche oder auch Interviews.

Während des Schreibens wurde mir bewusst, dass vieles von dem, was meine Grosseltern erlebt haben, nicht nur historische Erfahrung ist, sondern etwas, das in mir weiterwirkt, selbst wenn ich in ganz anderen Umständen lebe. Besonders deutlich wurde mir das im Nachdenken über Religion. Für meine Grosseltern war der Glaube ein Halt in einer Zeit, in der äussere Sicherheiten immer wieder wegbrachen. Unter dem kommunistischen Regime Rumäniens war Religion nicht nur unerwünscht, sondern etwas, das man verbergen musste. Gerade dadurch gewann sie an Tiefe. Glaube war keine öffentliche Identität, sondern eine innere Haltung, etwas, das man nicht beweisen, sondern leben musste. Dieser Glaube war für meine Grosseltern kein Mittel zur Abgrenzung, sondern eine Kraft, die sie getragen hat. Er gab ihnen Hoffnung, Würde und die Fähigkeit, Mensch zu bleiben in einem System, das genau das oft erschwerte.

Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass mein eigener Zugang zum Glauben ein anderer ist. Ich gehöre zu einer Generation, in der viele Menschen Religion ablehnen oder ihr zumindest skeptisch gegenüberstehen. Oft entsteht diese Ablehnung aus dem Gefühl, Glaube sei etwas Festgelegtes, etwas, das Regeln vorgibt und wenig Raum für Fragen lässt. Auch ich, die wohl geprägt ist von diesem Glauben, ging durch eine Phase der Selbstfindung und habe diesen auch noch nicht ganz abgeschlossen. Diese Phase könnte man wohl als Aussenstehender als Distanz wahrnehmen.

Aber für mich ist diese «Distanz» kein Bruch, sondern ein Prozess. Ein normaler Teil des Lebens ist es, Dinge zu hinterfragen, die einem mitgegeben wurden. Dazu gehört auch der Glaube. Fragen zu stellen, bedeutet nicht, alles abzulehnen, sondern etwas ernst zu nehmen. Erst durch Zweifel entsteht Tiefe. Erst durch Unsicherheit wird klar, was wirklich trägt. Ich habe gelernt, dass Glaube nichts Einheitliches ist. Er lässt sich nicht verallgemeinern und nicht erzwingen. Was für meine Grosseltern lebensnotwendig war, muss für mich nicht dieselbe Form annehmen. Und dennoch bin ich von ihrem Glauben geprägt. Nicht unbedingt durch die strenge Einhaltung wöchentlicher Rituale, sondern durch die Haltung, die daraus gewachsen ist: Vertrauen, Geduld, die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten nicht zu verbittern. Hoffnung.

Gerade in meiner Phase der Suche habe ich erlebt, wie dieser Glaube wirkt. Der Glaube meiner Grosseltern, der ein repressives Regime überstanden hat, ist einer, der mir nicht sagt, was ich glauben soll. Er begegnet mir mit Verständnis. Mit Liebe. Mit dem Wissen, dass Glaube nicht stillsteht, sondern sich wandelt. Dass er Fragen aushält. Das ist für mich eines die wichtigsten Erkenntnisse aus der Auseinandersetzung mit meiner Familiengeschichte: Wahrer Glaube hat keine Angst vor Zweifel. Er weiss, dass Identität nicht aus fertigen Antworten entsteht, sondern aus dem ehrlichen Ringen mit sich selbst. Glaube ist nicht etwas, dass du mitschleppen musst, sondern ein Faden der dir Halt gibt. Halt in der Form in der du sie brauchst.

Die Geschichte der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen ist geprägt von Anpassung und Widerstand, von Verlust und Weiterleben. Diese Spannung spiegelt sich auch im Inneren eines Menschen wider, der zwischen Überliefertem und Eigenem steht. Zwischen dem, was war, und dem was ist, was noch werden könnte. Schreiben wurde für mich auch zu einer Möglichkeit, diesen Zwischenraum auszuhalten.

Am Ende ist meine Maturaarbeit weniger eine Antwort als eine Frage geblieben. Eine Frage, wie viel von dem, was wir sind, aus dem stammt, was wir geerbt haben. Und wie viel wir selbst gestalten können.

Familie, Geschichte und Glaube erscheinen mir heute nicht als feste, separate Grössen, sondern als Bewegungen. Als etwas, das sich verändert, je nachdem, wie man sich dazu verhält. Mein Weg ist noch nicht abgeschlossen, weder literarisch noch persönlich. Doch gerade darin liegt für mich etwas Tröstliches: Dass es erlaubt ist, zu suchen. Zu zweifeln. Und dennoch verbunden zu bleiben.

Bericht und Foto: Klara Jaeggi