Publiziert von: Edwin Egeter
Bereitgestellt: 08.05.2026
Wenn sich die Katze in den Schwanz beisst...
Edwin Egeter,
Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.
Joh 20,29b (L)
Oft höre ich den Satz: «Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehen und mit den Händen berühren kann». Angesichts der zunehmenden Flut von Fake News ist das zunächst eine verständliche und wichtige Haltung.
Doch der Gedanke, dass nur das existiert, was wir sehen können, ist selbst unsichtbar. Hier beisst sich die Katze in den Schwanz: Wer behauptet, nur an das zu glauben, was sichtbar ist, kann auch an die eigene Behauptung nicht glauben – denn sie lässt sich weder sehen noch berühren.
Hinzu kommt: Wir sehen die Welt fast nie ohne gedankliche und emotionale Färbung. Mit jeder Sinneswahrnehmung taucht sofort ein komplexes Netz von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen in uns auf. Das Wahrgenommene wird gleich mit einer Etikette versehen, etwa als «schön», «absurd», «Kultur», «falsch», «Baum», «gerecht», «natürlich» und so weiter.
Was bedeutet das? Für uns, die mit Vernunft beschenkt sind, gibt es kaum Gegenstände, die wir einfach «nur sehen». Wir nehmen die Welt fast immer zugleich mit Interpretation, Wertung und Bedeutung wahr.
Wenn ich also sagen würde, ich glaube nur, was ich sehen kann, dann könnte ich letztlich weder an eine Welt noch an meine eigene Persönlichkeit glauben. Auch Begriffe wie Gerechtigkeit, Sinn oder Würde lassen sich nicht mit den Augen erkennen. Wir erschliessen sie durch Denken, Erfahrung, Gefühl und nicht zuletzt durch Vertrauen und Glauben.
Es gibt weit mehr, als wir sehen können. Das Sichtbare kann sich nicht selbst begründen. Auch das Denken kann seine letzten Voraussetzungen nicht vollständig aus sich selbst heraus beweisen. Hier beisst sich die Katze erneut in den Schwanz: Etwas Gedachtes kann nicht vollständig durch Denken allein begründet werden.
Gerade Immanuel Kant, ein Philosoph der kritischen Vernunft, hat gezeigt, dass unsere Vernunft letztlich an Grenzen stösst. Nach ihm führt das jedoch nicht in die Resignation, sondern öffnet einen Raum für Vertrauen, Freiheit und Glauben.
Darauf weist auch die Losung hin: Nicht nur glücklich, sondern auch weise sind Menschen, die nicht sehen und doch glauben.
Text: Dr. phil. Edwin Markus Egeter (Bild: 123RF)
Joh 20,29b (L)
Oft höre ich den Satz: «Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen sehen und mit den Händen berühren kann». Angesichts der zunehmenden Flut von Fake News ist das zunächst eine verständliche und wichtige Haltung.
Doch der Gedanke, dass nur das existiert, was wir sehen können, ist selbst unsichtbar. Hier beisst sich die Katze in den Schwanz: Wer behauptet, nur an das zu glauben, was sichtbar ist, kann auch an die eigene Behauptung nicht glauben – denn sie lässt sich weder sehen noch berühren.
Hinzu kommt: Wir sehen die Welt fast nie ohne gedankliche und emotionale Färbung. Mit jeder Sinneswahrnehmung taucht sofort ein komplexes Netz von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen in uns auf. Das Wahrgenommene wird gleich mit einer Etikette versehen, etwa als «schön», «absurd», «Kultur», «falsch», «Baum», «gerecht», «natürlich» und so weiter.
Was bedeutet das? Für uns, die mit Vernunft beschenkt sind, gibt es kaum Gegenstände, die wir einfach «nur sehen». Wir nehmen die Welt fast immer zugleich mit Interpretation, Wertung und Bedeutung wahr.
Wenn ich also sagen würde, ich glaube nur, was ich sehen kann, dann könnte ich letztlich weder an eine Welt noch an meine eigene Persönlichkeit glauben. Auch Begriffe wie Gerechtigkeit, Sinn oder Würde lassen sich nicht mit den Augen erkennen. Wir erschliessen sie durch Denken, Erfahrung, Gefühl und nicht zuletzt durch Vertrauen und Glauben.
Es gibt weit mehr, als wir sehen können. Das Sichtbare kann sich nicht selbst begründen. Auch das Denken kann seine letzten Voraussetzungen nicht vollständig aus sich selbst heraus beweisen. Hier beisst sich die Katze erneut in den Schwanz: Etwas Gedachtes kann nicht vollständig durch Denken allein begründet werden.
Gerade Immanuel Kant, ein Philosoph der kritischen Vernunft, hat gezeigt, dass unsere Vernunft letztlich an Grenzen stösst. Nach ihm führt das jedoch nicht in die Resignation, sondern öffnet einen Raum für Vertrauen, Freiheit und Glauben.
Darauf weist auch die Losung hin: Nicht nur glücklich, sondern auch weise sind Menschen, die nicht sehen und doch glauben.
Text: Dr. phil. Edwin Markus Egeter (Bild: 123RF)
